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Wir bedanken uns recht herzlich bei Frau DDr. Ulley Rolles, die uns diesen Bericht freundlicherweise zur Verfügung gestellt hat!

Für die medikamentöse Therapie, die zusätzlich zu einer Psychotherapie erfolgen kann, stehen zur Zeit hauptsächlich Serotonin-Wiederaufnahmehemmer zur Verfügung, über deren Effektivität Studien existieren.

Dazu zählen die Wirkstoffe:

  • Fluoxetin (Handelsname Fluctine),
  • Fluvoxamin (Floxyfral),
  • Sertralin (Gladem, Tresleen),
  • Citalopram (Seropram),
  • Paroxetin (Seroxat)
  • und das trizyklische Antidepressivum Clomipramin (Anafranil)

Was bewirken diese Medikamente?

SSRI (Selektive Serotonin-Reuptake-Inhibitors  = Serotonin-Wiederaufnahmehemmer) setzen am Neurotransmittersystem im Gehirn an.

Zwischen unseren Nervenzellen im Gehirn befindet sich eine Art Zwischenmasse mit Botenstoffen, so genannten Neurotransmittern. Die einzelnen Nervenzellen haben keinen direkten Kontakt miteinander, das heißt, damit ein Signal von einer Zelle zur anderen übertragen werden kann, muß der dazwischenliegende Raum überwunden werden. Auf dieser Basis funktioniert all unser Denken, Lernen und Fühlen: Zwischen den einzelnen Nervenzellen werden Verbindungen aufgebaut.

Schauen wir uns eine Nervenzelle einmal genauer an: Sie besteht aus einem Zellkern und im Zellinneren aus einer Reihe anderer wichtiger Systeme. Der Rand der Zelle besteht aus einer Lipiddoppelschicht und die Zelle hat sogenannte Dendriten (ähnlich wie Arme) und ein Axon (langer Arm) an dessen Ende, der Synapse, die Signalübertragung stattfindet. Das Signal muß nun von der Synapse der einen Zelle auf die Membran der nächsten Zelle übertragen werden, und so weiter. Auf diese Weise wird ein Impuls fortgeleitet und die Summe dieser Millionen Fortleitungen ergibt dann beispielsweise ein Gefühl wie Angst, Trauer, Wut oder Motivation, Zuversicht und Freude.

neuron

Die Signale in der Zelle sind dabei elektrische Impulse. Um nun von einer Zelle zur anderen übertragen zu werden, muß der elektrische Impuls in einen chemischen Impuls umgewandelt werden. Nur so gelingt ihm die Überwindung des synaptischen Spalts zwischen den Zellen. Und genau dafür braucht man die Botenstoffe, die Neurotransmitter, die an den Rezeptoren der nächsten Zelle andocken können.

synapse antidepressiva

Und nun sind wir endlich soweit: ein wichtiger Neurotransmitter ist das Serotonin. Ist es in ausreichender Menge vorhanden, funktioniert die Erregungsübertragung gut, was auf Gefühlsebene umgelegt bedeutet: Die betreffende Person ist ausgeglichen, zuversichtlich, gut drauf, motiviert, stark, wenig ängstlich, nicht depressiv.

Der Botenstoff Serotonin wird dabei aus verschiedenen Vorstufen, die wir mit der Nahrung zu uns nehmen, gebildet. Er wird vermehrt gebildet unter moderater körperlicher Bewegung, bei Licht, vermindert gebildet unter Streß, chronischer Krankheit und in der dunklen Jahreszeit. Auch ist die Konzentration von Mensch zu Mensch individuell verschieden. All das kann dazu führen, daß vorübergehend oder dauernd zuwenig Serotonin vorhanden ist und der Betreffende zunehmend verzagter, ängstlicher, depressiver wird.

Bei der Zwangserkrankung gehen wir davon aus, daß es sich hierbei großteils um Ängste handelt: z. B. Angst, nicht den Herd abgedreht zu haben, Angst vor Verunreinigung, Angst vor Kritik, die in der Folge zu impulsiven Handlungen und Gedanken führen. Dabei scheint ein verminderter Serotoninspiegel eine wesentliche Rolle zu spielen.

Mit den Medikamenten wird nun nicht etwa Serotonin künstlich zugeführt, sondern folgendes bewirkt: Da im Körper immer alles auf und wieder abgebaut wird, wird auch das Serotonin, das zwischen den Zellen kreist nach einer Weile wieder von der Zelle zurück aufgenommen und abgebaut. Das Medikament hat nun den Effekt, daß das Serotonin nicht so rasch abgebaut wird, da sich der Wiederaufnahmehemmer sozusagen vor die Wiederaufnahmeschleuse der Zellen legt. So kann das Serotonin länger im Zwischenzellraum kreisen. Nach einiger Zeit erhöht sich dann der körpereigene Konzentrationsspiegel des Serotonins merkbar (nach etwa 10–14 Tagen) Dies ist auch der Grund, warum das Medikament nicht gleich nach der ersten Einnahme wirkt, sondern eben erst nach etwa 2 Wochen.

Die Medikamente sollten nicht zu früh abgesetzt werden, sondern über einen längeren Zeitraum (mindestens ein halbes bis dreiviertel Jahr) eingenommen werden, so daß sich der Serotoninspiegel stabilisieren kann.

SSRIs machen nicht abhängig. Dennoch sollte das Medikament nicht abrupt abgesetzt werden, sondern langsam unter Anleitung des Arztes ausgeschlichen werden. Es sind Absetzeffekte wie beispielsweise Schwindel beschrieben worden.

Neben den selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern kommen in der Behandlung der Zwangserkrankung bei therapieresistenten Patienten noch weitere Pharmaka als zweite Wahl in Betracht. Dies vor allem deshalb, weil außer Serotonin sicher auch andere Transmitter (z. B. Dopamin) eine Rolle spielen. Zum Einsatz kommen können das trizyklische Antidepressivum Clomipramin, Clonazepam (RivotrilÒ), und Neuroleptika. Lithiumsalze und  Buspiron (BusparÒ) sind versucht worden,  haben sich aber bisher als wenig wirksam erwiesen.

DDr. Ulley Rolles