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Liebe Betroffene, das neue Jahr steht vor der Tür. Ich könnte auch sagen, der Jahreswechsel steht vor der Tür. Zwanghafte mögen durch beide Formulierungen geplagt werden. Zwangshafte scheuen oft das Neue. Das Althergebrachte, das Gewohnte gibt mir Sicherheit, meinen sie und ängstigen sich anläßlich des bevorstehenden neuen Jahres. Wechseln bedeutet oft Übergänge, die viele Zwanghafte nicht lieben. Den Übergang von einem Jahr zum anderen, den Übergang von einem Raum zum anderen, ein neuer Lebensabschnitt wie Ehe oder Elternschaft, all das mag Zwanghafte übermäßig verunsichern. Der Zwang zieht scharfe Grenzen. Oft müssen gefürchtete Gedanken, die zwanghaft Unheil verkünden vermieden werden, wenn neues angegangen wird. Der Tag geht zu Ende, das scheint für manche Zwangskranke bedrohlich. Der Zwang verlangt einen "guten Abschluß" des Tages - das mag bedeuten, je nach Zwangsbefürchtung: alles soll rein sein, nichts soll kontaminiert sein, alles verlangt, kontrolliert zu werden, auch die Gedanken im Kopf. Offene Zwangsfragen müssen geklärt werden, wenn der Tag gut beendet sein soll, sonst gibt es eine unruhige Nacht. Der neue kommende Tag verlangt einen beruhigenden Abschluß der Handlungen und Gedanken am jeweiligen Abend zuvor. Deshalb kommen viele arme Zwangskranke abends so spät ins Bett. Der Zwang kennt nicht das Fließende, das Grenzenlose.

Meine Vorstellung, wie da gedanklich zu helfen wäre, ist die:

Stellen Sie Sich die 24 Stunden eines Tages, ein ganzes Jahr, den Abschnitt von einem Geburtstag zum anderen, das Durchschreiten von Räumen, all die gefürchteten Übergänge gleichsam fließend vor. Nur der Zwang setzt sinnlose Grenzen.

Und nun komme ich wieder zum oft zwanghaft befürchteten Beenden eines Jahres und dem Neubeginn des Nächsten. Da lassen wir uns doch nicht Angst machen! Diesen Übergang kann man feiern, links liegen lassen, verschlafen, ärgerlich überstehen, weil doch der arme Hund oder Kanarienvogel so verängstigt werden von dem Krach der Raketen. Wie auch immer, Bedeutung vom Zwang her gibt es keine.

Stellen Sie Sich das Jahr vor wie das Laufrad, mit dem man Goldhamster, Mäuse oder Ratten bewegt. Das ist wie ein Endlosband, ohne Unterbrechungen, ohne Ab- und Einschnitte. Irgendwann springen die Tierchen herunter, beenden also die Rennerei, werden halt rasten oder Wasser trinken wollen. Das ist sinnvoll und verständlich. Das Beenden, Grenzenziehen, das Einteilen in Zeitabschnitte und Räumlichkeiten, soll nicht vom Zwang diktiert werden.

"Das wußten Sie selber", sagen Sie. "Aber wie damit umgehen?

Unangenehme Gefühle zulassen, Gefühle der Angst und Anspannung zulassen. Die dürfen sein! Aber sich klar machen, woher diese Gefühle kommen. Nämlich "nur" vom Zwang. Also müssen Sie nichts dagegen unternehmen. Auch nicht, wenn die Zwangsangst so ausgeprägt ist, daß Ihnen die Befürchtung geradezu real, also wirklich vorkommt. Dann sind Sie im Moment leider sehr zwanghaft, aber passieren tut trotzdem nichts.

"Es ist nichts, was ich zu befürchten habe," dieser Satz hat mir oft über die Runden geholfen.

Und jetzt wünsche ich Ihnen eine gute kommende Zeit!

Viele liebe Grüße

Ihre "Ulrike S."

 

Autorin der Bücher:

"Der Weg aus der Zwangserkrankung"

"Hilfreiche Briefe an Zwangskranke"

"ABC für Zwangskranke"

Tipps einer ehemals Betroffenen.

(Alle drei erschienen im Verlag Vandenhoeck & Ruprecht)