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Liebe Betroffene! Wahrscheinlich wird das heute nur ein kurzer Brief, ich möchte Euch einfach erzählen, was ich gestern erlebt habe. Vielleicht erinnern sich einige von Euch (aus den Beschreibungen in den Büchlein), welch große Angst ich in zunehmendem Maße vor öffentlichen Toiletten hatte. Wenn ich nur von Ferne das Schildchen "WC" auf einer Türe sah, habe ich einen Schrecken bekommen und mit Angstgefühlen einen großen Bogen drum herum gemacht. Gestern also war ich mit den beiden Enkelkindern unterwegs. Drei und fünf Jahre sind sie nun. Es war wohl auch eines meiner Therapieziele, daß eine Zukunft mit Enkelkindern möglich sein könnte. Vortellen mochte ich mir das zu Therapiebeginn überhaupt nicht - aber Therapie kann man sich nicht vorstellen, die muß man erleben. Tag für Tag. In der Vorstellung ist alles ärger, da habe ich mir gar nichts mehr zugetraut.

Wir stehen also vor der Besucherterasse. Der Bub ist fasziniert. Das kleine Mädchen etwas weniger, sie hält sich die Ohren zu und fragt immer wieder, wann wir dann mit dem A-Bus und dem F-Bus wieder durch die Stadt fahren werden. Unsere Ausflüge mit dem Bus durch die Stadt sind ihr vertrauter.

Der Bub, so begeistert er ist, fängt nun doch ganz typisch an hin und her zu wackeln, was heißt: Er muß auf die Toilette. Und weil die Kleine dem großen Bruder alles nachmacht (modelllernen!), muß sie auch! Na, bravo! Das habe ich kommen gesehen.

Ein Flieger startet gerade - nein, er muß nicht mehr. Die Kleine auch nicht. Der Flieger verschwindet in den Wolken, nun meldet sich das Bedürfnis der beiden wieder. Was hilft es, wir ziehen los. Kleine Kinder besuchen gerne fremde Toiletten. Da gibt es immer etwas zu entdecken. Nein, der Bub möchte nicht mit uns auf's Damen-WC. Er geht "zu den Männern". Also müssen wir auch hinein, wir zwei Damen. Ich kann ein kleines Kind hier nicht allein lassen - was könnte doch alles passieren. Man sieht, nicht einmal Restzwänge haben da noch eine Chance, Omapflichtbewußtsein geht vor. Könnt Ihr Euch vorstellen, wie froh ich in solchen Augenblicken um die sicher sehr fordernde Therapie bin.