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Liebe Betroffene! Gerne schreibe ich an Euch - wer könnte mich sonst so gut verstehen, wenn ich etwas erlebt habe, das mit überwundener Zwangserkrankung zu tun hat. Vielleicht wissen manche von Euch, dass ich sehr, sehr lange zwangskrank war. Nach zweijähriger gelungener, aber wirklich anstrengender Therapie hatte ich dann die Zwänge los. Davon könntet ihr in meinen drei Büchlein lesen. (siehe Literaturliste). Gestern also war ich zum ersten Mal in meinem (langen) Leben auf dem Fußballplatz.....

Das Enkelkind, sieben Jahre alt, hat mich, die Oma mitgenommen! Das hätte ich mit in meiner kranken Zeit nie träumen lassen, dass ich so etwas noch erleben würde. Die vielen Fans - johlend, im Chor deftige Lieder singend, empört protestierend (Schiedsrichterentscheidung, Foul), ihre Vereinsfahnen schwingend. Nobel sah es im Stadion nicht aus, ich bin (in Bezug auf "Schmutz") nicht ganz unbekümmert hingegangen. Aber die Begeisterung, so eine emotionsgelandene Angelegenheit (noch dazu ein Heimspiel) mitzuerleben, das hat mich all die unvermeidbaren Kontakte negieren lassen.
"Macht's an Ausgleich!", schreit das Enkelkind - wir hatten uns nämlich ein Tor eingefangen.
Modelllernen konnte ich an dem kleinen Burschen. Nicht nur, was die Begeisterung betraf, sondern auch in Bezug auf "Schmutzbewältigung".
Liebe Betroffene! Es muß nicht gerade ein Fußballspiel sein, der einem bewußt sein läßt, wieder gesund sein zu dürfen. Einfach wieder am Leben teilnehmen zu können, ohne unnötige Angst und Sorgen, das ist schon all die Mühen und großen Herausforderungen einer Verhaltenstherapie wert.

Schade, daß ich seinerzeit nicht die Möglichkeit der Verhaltenstherapie hatte und deshalb der Zwang mir verwehrte, solche selbstverständlichen Erlebnisse mit meinen eigenen Kindern genießen zu können.

Liebe Grüße und denkt bitte an die Möglichkeit des Sorgentelefons!
"Es ist nichts, was ich zu fürchten brauche", das war mein oft gebrauchter Hilfsgedanke in der Konfrontation. Das gilt auch für einen Anruf am Sorgentelefon: Ihr braucht keine Scheu vor einem Gespräch zu haben. Ich kann viel Zeit und jede Menge an Eigenerfahrung anbieten. Der Anruf ist rein ehrenamtlich, das werde ich manchmal gefragt.

Eure Ulrike S.