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Hilfe zur Selbsthilfe Liebe Betroffene! Heute möchte ich für Euch einiges niederschreiben, was Euch Hilfe zur Selbsthilfe im Besiegen der Zwangserkrankung bringen könnte, und was ich in eigener Therapie und später dann auch als Kotherapeutin unterstützend gefunden habe.

Entschuldigt bitte, wenn meine Ratschläge nicht präzis geordnet daherkommen. Ich schreibe einfach frisch drauflos, was mir so einfällt.
Ich war selbst sehr lange zwangskrank, anschließend an die Therapie habe ich viele Jahre als Cotherapeutin gearbeitet und habe heute noch Begegnungen und Telefonkontakte mit Ratsuchenden.
Die “Hotline“ auf der zwaenge.at haben Theresa und ich nun auf zwei Tage der Woche ausgedehnt, macht Gebrauch davon, wenn Ihr das möchtet! Das würde ich auch schon als Hilfe zur Selbsthilfe anbieten.

Was hat mir geholfen, was habe ich erfahren, das anderen hilfreich war – drüber möchte ich heute mit Euch sprechen.

Sich in Therapie begeben:
Mut sollt Ihr aufbringen, Euch in Therapie zu begeben, obwohl Ihr noch nicht so recht wißt, was auf Euch zukommt, wie Ihr mit dem Therapeuten zurechtkommen werdet, wie groß der Erfolg sein wird. Bedenkt, daß das Zweifeln uns Zwangskranke gerne begleiten möchte, da mischt sich der Zwang auch gerne bei der Therapeutensuche ein. Ihr könnt Euch erkundigen: Welche Therapeuten haben anderen gut geholfen, welche würden diese empfehlen. Das wäre zum Beispiel bei Selbsthilfegruppen möglich. Ihr könnt Euch gezielt und beherzt bei einem etwaigen Therapeuten erkundigen, ob seine Erfahrung mit Zwangspatienten groß ist und ob er Verhaltenstherapie für Zwangskranke anbietet. Fragt ihn ruhig, mit wie vielen Patienten er schon gearbeitet hat. Zu Hausbesuchen möchte ich gleich etwas bemerken. Man möchte vielleicht annehmen, Betroffene würden von vorneherein Hilfe gegen den Zwang in ihrem Zuhause sehr begrüßen. Das ist nicht immer so, das habe ich erst kürzlich bei einer jungen Frau erfahren. Da habe ich ihr gesagt, es geschehe nichts, was sie nicht selbst wolle. Die Vorstellungen über Hilfe in der Therapie ändern sich ja auch durch Fortschritte in der Behandlung. Da wird der Mut dann auch schon größer. Anfangs muß das Problem Hausbesuche nicht besprochen werden, wenn diese Vorstellung Angst macht. Wenn Hilfe in dieser Form sehr erwünscht wäre, dann sollte Therapeut oder Therapeutin schon bereit sein, auch in dieser Weise zu unterstützen.
Letztendlich solltet Ihr dem Suchen ein Ende machen können und lernen, einem Therapeuten oder einer Therapeutin das Vertrauen zu schenken. Ihm auch zugestehen können, daß er es ausschließlich gut mit Euch meint. Das Finden eines guten Therapeuten gehört manchmal zu den Schwierigkeiten, die ein Zwangspatient auf sich nehmen muß. Nicht aufgeben, ohne Therapie werdet ihr den Zwang wohl nicht losbekommen. Die Suche nicht aufgeben, nicht resignieren! Bei der zwaenge.at nachfragen.


Mit sich Geduld haben. Oft geht der Heilungsprozeß nicht so schnell von statten, wie man sich das anfangs vorgestellt hat. Mit „links“ und „zwischendurch“ funktioniert Therapie nicht – so eine Haltung könnte Enttäuschungen bringen.


Die Mitarbeit
Sehr engagiert sein. Die Zeit zwischen den Therapiestunden nützen. Anregungen ernst nehmen, ausprobieren, auch selbst über Lösungsmöglickeiten nachdenken, vor allem im fortgeschrittenen Stadium der Therapie. Schwierigkeiten rückmelden. Bei der Bitte um Unterstützung dürft Ihr auch hartnäckig sein, das beweist nur, daß Ihr motiviert seid. Sich nicht scheuen und schämen, bereits Besprochenes immer wie der nachzufragen, bis ihr eigenverantwortlich handeln und denken lernt.

Positive, vertrauenvolle Einstellung zu Medikamenten dürft Ihr haben, wenn sie der Therapeut empfiehlt. Die Therapeutin, der Therapeut sind es, die die Handhabung von Medikamenten gelernt haben.

Patienten haben ein großes Mitspracherecht bei dem, was jeweils getan wird.

Das Tagebuch

Für mich war es hilfreich für:
Die Vorbereitung auf die Therapiestunde, zum mir Einprägen von Gelerntem nach der Therapiestunde, zum Angstabbau, zum Niederschreiben von Erfolgen; bei depressiver Stimmung als „Ansprechpartner“. Als „Nachschlagbuch“: Wie habe ich das damals geschafft – so mache ich es jetzt auch. Zur Vorbereitung auf die nächste Therapiestunde, da habe ich Unsicherheiten und Fragen notiert, um die Zeit dort gut nützen zu können. Zum Freude niederschreiben, wenn etwas gelungen ist. Und letztendlich als Gedächtnisstütze, wenn Ihr anderen auch einmal schriftlich Hilfe zur Selbsthilfe geben möchtet. Im „Trubel“ der Therapie, im Ansturm neuer Erkenntnisse geht so manches im Gedächtnis verloren. Da kann es nützlich sein, etwas niederzuschreiben. Und wenn Ihr nur in einem ganz privaten Kalender immer wieder kleine Notizen macht über das Therapiegeschehen und über so manches, das Ihr anstrebt, dann wäre das sicher auch schon hilfreich.

Der Umgang mit sich selbst. Nicht mit zusammengebissenen Zähnen braucht Ihr zu üben.
Auf Eure Gefühle sollt Ihr achten (mit Hilfe des Therapeuten), wenn Ihr Euch dem Zwang zu widersetzen lernt. Ich selbst habe mich nach der ersten intensiven Konfrontation gefühlt, als hätte ich die Orientierung über Raum und Zeit und über mich selbst verloren. Es passiert schon was, wenn der Zwang als Sicherheit und Struktur den wahren Bedürfnissen im Leben weichen muß.

Allzu große Strenge beim Üben könnte zu einer Verschiebung zum allzu strengen Umgang mit sich selbst auf anderer Ebene nach sich ziehen, so habe ich kürzlich gelernt. Aber am Aushalten und Durchhalten führt leider kein Weg vorbei!

Das Genießen, die Liebe zu sich selbst neu entwickeln und wieder entdecken lernen. Auch hier unterstützt Therapie.

In schwierigen Situationen:
Fragt Euch: Wer möchte, daß ich so handle und denke, der Zwang oder ich? Was möchte ich wirklich ? Was hindert mich dran, es zu tun? Was läßt mich so ängstlich denken? Die eigentliche Harmlosigkeit in Zwangsanglegenheiten wieder erkennen lernen.
Die zwei „Bühnen“ beschreibt N. Hoffmann in einem seiner Bücher. Die eine Bühne spielt sich in der Realität ab. Es ist der ganz normale Alltag. Die andere ist die Scheinwelt, die der Zwang vorspiegelt. Ein Patient von N. Hoffmann hat diese zweite Bühne „das Kasperltheater“ genannt, das er nicht mehr mitmachen will.

Lieber alltagsbezogen üben. Das neue Verhalten in den Alltag eingebaut üben. Allerdings die Vielfalt des Alltagslebens wieder zulassen.

Wenn abseits des Zwanges der Umgang mit Menschen schwierig ist, so gehört das in die Therapie mit hineingenommen. Nicht nur der Zwang wird behandelt. Die Bewältigung von vergangenen , gegenwärtigen und zukünftigen Problemen abseits vom Zwang gehören mit zur Therapie.

Überlegen: Was habe ich früher gerne getan? Was würde ich gerne tun, wäre da nicht die Behinderung durch den Zwang.

Selbsthilfebücher therapiebegleitend lesen. Auch später, nach Therapieabschluß, ab und zu zur Hand nehmen, um auf dem laufenden, um „am Ball“ zu bleiben.

Selbsthilfegruppen: Vorteile und Nachteile einer Gruppe für sich selbst abwägen (darüber gibt es Literatur und die Beratung durch den Therapeuten).

Habe ich etwas vergessen, das Euch helfen könnte? Sicher, aber macht vom Telefonangebot Gebrauch und bedenkt: So manche Frage löst sich erst innerhalb und im Laufe einer Therapie.

Alles erdenklich Gute wünsche ich Euch und die Freude über Erfolge. Lobt Euch selbst und laßt Euch loben: Jeder Zwang weniger ist ein riesen Erfolg!

Eure Ulrike S.
Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung“, „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“, „ABC für Zwangserkrankte“, Tipps einer ehemals Betroffenen. Verlag Vandenhoeck und Ruprecht/Göttingen. Auch über amazon erhältlich.

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Liebe Betroffene! Heute möchte ich Euch wieder einmal einen Brief schreiben.. Manche von Euch, die die Seite besuchen, tun dies vielleicht, um überhaupt heraus zu kriegen: Bin ich überhaupt zwanghaft oder nicht? Ich habe Probleme in meinem Alltag, aber ich kann sie nicht zuordnen. Mich plagt etwas, aber was ist das überhaupt? Haben das andere auch? Ich möchte niemanden fragen, denn mein Problem scheint mir ja selbst irgendwie „komisch“. Das versteht doch niemand. Kürzlich hat ein Fachmann ganz knapp zusammengefaßt, wie jemand erkennen kann, ob seine Beeinträchtigung vom Zwang dirigiert ist:

Müssen Sie sich oft die Hände waschen, sich duschen, Situationen vermeiden, die mit Ekel oder Krankheitsangst zu tun haben?
Müssen Sie Situationen, Zustände für Sie „eigentlich“ zu ausgeprägt und oft kontrollieren?
Kommen Sie schwer vom Herd los, weil Sie hundertprozentig wissen wollen, ob die Knöpfe aus sind. Spielen Wasserhahn, Lichtschalter, das Schließen der Wohnungstüe in Ihrem Leben eine zu große Rolle?
Ist Ihnen Symmetrie und Ordnung allzu wichtig. Zum Beispiel, wie Gegenstände zueinander liegen, wie Dinge im Schrank gestapelt sind ........

Ich habe auch schon folgende Wortmeldung gehört: Wenn Benutzer der Seite doch ausführlicher über ihre Symptome schreiben würden. Dann könnte ich mich vielleicht wiederfinden, hätte den Trost, daß ich nicht ganz allein auf der Welt unter solchen Merkwürdigkeiten leiden müßte.
Dieser Wunsch ist verständlich. Aber dazu möchte ich Euch etwas sagen. Ich bin nun, nach meiner eigenen Therapie, schon 15 Jahre damit beschäftigt, Kontakte mit Zwangspatienten zu haben. Und immer wieder kommt es vor, daß ich von neuen, mir bisher noch nicht unter gekommenen Problemen höre. Es gibt eben nichts, was sich der Zwang nicht zum Thema machen kann. Da gibt es eben nicht „nur“ den Herd, der einen plagt, oder die Türklinke, die man sich nicht mehr anzufassen getraut, weil sie zu schmutzig scheint. Da macht sich nicht nur der Mantel wichtig, der nicht ordentlich am Kleiderbügel hängt. Da geht es nicht „nur“ um den Gedanken: Darf ich so etwas denken oder nicht. Sehr ungewöhnliche Symptome kann der Zwang bescheren. Da sucht man vergebens in Fachbüchern und durchblättert entteuscht die Internetseiten mit der Feststellung: Nirgends finder ich mein Problem erwähnt, ich schäme mich, ich kenne mich nicht aus, gibt`s für mich überhaupt Hilfe?
Es gibt Hilfe! Das Zwangsthema ist ja auch gar nicht so ausschlaggebend, sondern die Einschränkungen, die Ängste und Sorgen, die man sich deshalb machen muß.
Das ist nun eine sehr wichtige Aufgabe, der sich Theresa gestellt hat. Sie listet Therapeuten auf der Seite auf und macht Mut, sich dort Hilfe zu suchen. Beim Therapeuten oder der Therapeutin gibt es kein erstaunten Reaktionen, wenn Ihr über Eure „merkwürdigen“ Sorgen sprecht, da ist die erste Erleichterung, die das sich Einlassen auf eine Therapie bringt.

Was die Schilderung von all den Zwanghaftigkeiten, unter der Betroffene leiden betrifft, so habe ich verschiedene Wünsche und Meinungen gehört.
Die einen möchten sich also in Fallbeschreibungen wiederfinden. Die anderen haben Angst, Zwänge zu „übernehmen“, sich sozusagen zu „infizieren“. (Ein Problem, das nicht einheitlich beantwortet wird. Ich könnte mir schon vorstellen, daß man sich in Zeiten erhöhter Verletzlichkeit ein Zwangsthema „einfängt“. Ich spreche hier von eigenen Wahrnehmungen. Andere diskutieren das oft nicht so. Ich denke, der unängstliche Umgang mit den Zwängen anderer hat mit dem Wachsen der eigenen Selbstsicherheit und dem Lernen zu tun, Zwanghaftes abzubauen. Sonst müßte ich ja, nach all den Jahren, die ich mit Betroffenen Kontakt habe, von einen Zwang in den anderen fallen!

Ich grüße Euch recht herzlich und wünsche Euch alles erdenklich Gute!
Ihr wißt, daß ich jeweils am Mittwoch von 18 Uhr bis 20 Uhr telefonsich erreichbar bin.
Eure Ulrike S.
Bücher: Der Weg aus der Zwangserkrankung
Hilfreiche Briefe an Zwangskranke
ABC für Zwangserkrankte. Tipps einer ehemals Betroffenen.
Alle drei: Verlag Vandenhoek und Ruprecht. Göttingen.

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Liebe Betroffene! Weihnachten ist vorbei, jetzt ist die „lustige Zeit“ angesagt, der Fasching. Unsereins ist oft nicht zum Spaßen zumute, das weiß ich noch allzugut. Aber vielleicht kann ich Euch etwas von meinem Zwergkaninchen erzählen. Bitte seien Sie nicht erstaunt. Vielleicht denken Sie ja, das hat hier wirklich nichts zu suchen. Vielleicht doch! Wir werden sehen! Ich habe an dem kleinen Burschen so einiges beobachtet – das hat mich an Therapie, Ängstlichkeit und Mut erinnert.
Es kommen dabei Begriffe
vor wie: sich verkriechen, Mut, Geduld, Verzögerungstaktik, Freiheit,
Ermunterung, Vertrauen, Flexibilität, Neugier und das Genießen. Nun hören Sie also:
Sie wissen ja – der Zwang nimmt ein ungeheures
Vergrößerungsglas und macht aus einer Mücke einen Elefanten. Und wir armen
Zwangskranken sitzen dann da wie mein Zwergkaninchen, dessen Hasenherz wegen
jeder Kleinigkeit klopft, als wollte es zerspringen.
Ich habe mir immer schon so einen kleinen Hasen gewünscht,
aber der Waschzwang hatte „nein“ gesagt. (So wie der Zwang sich gerne
vordrängt, wenn wir uns Freude bereiten wollen, nicht wahr?)
Endlich konnte ich
mir einen gönnen, er war während der Therapie zusätzlich ein kleiner Helfer,
weil ich ihn doch auch mit ungewaschenen Stadthänden streicheln sollte. Zum
näheren Verständnis - Zwergkaninchen verabscheuen Wasser, sie wollen weder
gebadet noch geduscht werden. Seine ersten Tage im neuen Zuhause habe ich genau
beobachtet.
 
„Der Kleine hat doch ähnliche Schwierigkeiten wie ich zu
Beginn der Therapie“, habe ich mir gedacht. Verkriecht sich im Ställchen und will nicht heraus, ihm fehlt der
Mut dazu. Also setze ich mich in
einiger Entfernung vom Stall auf den Boden, denn was jetzt kommt, das braucht Geduld. Der Hase darf aus dem Stall - das möchte er ja auch
so gerne, aber was erwartet ihn da draußen? Er wird ganz aufgeregt, sieht das offene Türchen, und rettet sich
zunächst in Alibihandlungen. Er
hüpft zur Wasserflasche und trinkt ein paar Tröpfchen, obwohl er doch grade
zuvor schon genug getrunken hat. Er saust zum Futtertrog, knabbert an einem
Körnchen, der große Hunger ist das nicht.
Das ist Verzögerungstaktik, weil ihm noch der Mut fehlt. Er macht Sprünge im
Stall, als ob er schon draußen wäre. Sie juckt ihn schon mächtig, die in
Aussicht stehende Freiheit, aber
das Hasenherz....! Endlich hüpft er zum Türchen, setzt die Pfoten auf den
Ausschlupf und lugt hinaus. Fast schon hätte er es geschafft, da reut es ihn
wieder und – zurück in den Stall!
 
Habe ich nicht auch in der Therapie viel Ermunterung gebraucht? „Geh` komm! Sei nicht so!
Komm halt! Ist doch fein da heraußen! Passiert doch nichts! Komm zu mir!“ Ich locke und überrede ihn und
tatsächlich - er schafft ihn, den
Sprung in die Freiheit.
Er scheint Vertrauen gewonnen zu haben. Jetzt kann er sogar schon etwas
neues. Er hat sich ungeheuere Flexibilität angeeignet. Er springt raus in die Freiheit und dann wieder rein in
den Stall, frißt nun aber wirklich, weil er Hunger hat, trinkt - und dann
wieder raus. Heraußen macht er Sprünge, viel weitere und kunstvollere als im
Käfig, ist neugierig, ihn interessiert anscheinend alles.
Wollen Sie es nicht auch so lernen wie der kleine Hase:
Mutiger und recht freiheitsliebend, vielleicht manchmal sogar ein wenig
übermütig?Ohne Sorge, Ihr Maß zu überschreiten, das würde Ihnen ohnedies
nicht liegen. Auch ein Genießer ist er geworden, der kleine Hase. Er liebt Fernsehen,
leise Musik und Biokarotten. Sie brauchen nicht Karotten zu essen, aber sich
wieder das Genießen zu erlauben und zu gönnen, das wäre prima. Nur eines stimmt mich
bedenklich am Zwergkaninchenverhalten. Wenn ihm etwas bedrohlich erscheint,
wenn er gerne in Nachbars Garten hoppeln würde und sich nicht getraut, wenn er
auf der Flucht ist vor mir, weil er merkt, daß ich ihn einfangen möchte, dann
fängt er plötzlich an, sich zu putzen.
Sicherheit im Ritual, ist es nicht das, was er sucht? Daran muß er noch arbeiten!
 
Ich grüße Euch recht herzlich und wünsche Euch einen schönen
Schritt vorwärts im neuen Jahr!
Eure Ulrike S.
 
 
Bücher:
Ulrike S. / G. Crombach / H.
Reinecker: Der Weg aus der Zwangserkrankung
 
Hilfreiche Briefe an Zwangskranke Verlag Vandenhoek &
Ruprecht / Göttingen
 
Im Frühjahr hoffe ich, Euch
mit dem Buch „Tipps für Zwangskranke von A – Z“ (voraussichtlicher Titel) eine
Hilfe zu sein. Es wird im gleichen Verlag erscheinen. Mitautor: Herr Prof Dr.H.
Reinecker / Bamberg

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Liebe Betroffene! Theresa hat auf ihrer Seite für Zwangskranke eine „Hotline“ eingerichtet, ich nenne es einfach ein Hilfstelefon. Wie Ihr auf der Seite erfahren könnt, versuche ich jeweils am Mittwoch von 18 Uhr bis 20 Uhr für Betroffene als Ratgeberin da zu sein. Meine „Kenntnisse“ über Zwangskrankheit und Therapie beziehe ich aus jahrzentelanger eigener Erkrankung, aus zwei Jahren Therapie und aus 12 Jahren als Kotherapeutin. Die Hotline betreue ich seit einigen Monaten, ich kann sagen, das ist eine gute Sache.

Sie brauchen sich nicht zu scheuen, zum Telefon zu gehen, und falls der Zwang Ihnen das verbieten will, dann sagen Sie ihm: „Das lasse ich mir nicht nehmen, du blöder Kerl!“
Ich weiß ja, wie gehässig der Zwang sein kann. Er möchte Sie zum Beispiel am Telefonieren hindern, weil er behauptet, der Hörer sei nicht sauber genug. Oder der Zwang droht Ihnen: „Wenn du telefonierst, dann passiert etwas.“ Oder er sagt womöglich: „Wenn du telefonierst, dann könnte das jemand hören, der Chef könnte davon erfahren und du verlierst den Job.“
Oder der Zwang könnte behaupten. „Achtung, Achtung, telefoniere lieber nicht. Vielleicht bist du nach dem Anruf nicht mehr sicher, was du am Telefon gesagt hast und das könnte dich zwangsmäßig beschäftigen. Hast du dich wohl auch verständlich genug ausgedrückt. Wenn nicht, dann könntest du nicht die 100 %-ig richtigen Antworten bekommen.“ Oder der Zwang warnt: „Achte beim Telefonieren auf die Wahl deiner Worte, nicht alle Wörter sind unbedenklich.“ So dummes Zeug und noch vieles mehr kann der Zwang behaupten, um Euch am Telefonieren zu hindern. Außerdem gönnt der Zwang den armen Erkrankten keine Erleichterungen.
Oder deine Ängstlichkeit warnt dich: „Weißt du überhaupt, wer da am Ende der Leitung sitzt. Vielleicht ist sie nicht nett genug mit dir, vielleicht versteht sie dich nicht, vielleicht staunt sie über deinen merkwürdigen Zwang. Vielleicht nimmt sie sich nicht genug Zeit, wenn du den komplizierten Ablauf deiner Zwänge schildern möchtest. Vielleicht gibt sie dir Ratschläge, die du dich nicht nachvollziehen getraust. Vielleicht möchte sie dich sogar drängen, in Therapie zu gehen, obwohl du nicht den Mut dazu hast.“
Liebe Betroffene, ich denke, ich habe Euch gezeigt, daß ich mich in Zwänge einfühlen kann und daß ich auch die Ängstlichkeit verstehe, einfach zum Telefon zu gehen, und „jemand Fremden“ anzurufen.
Haben Sie keine Sorge, wenn Sie auf diese Weise Rat und Hilfe holen wollen oder ganz einfach nur über Ihr Leiden reden wollen. Die Anrufe sind vollkommen anonym, das versteht sich von selbst. „Jemand Fremder“ bin ich nicht für Sie, ich gehöre als ehemals Erkrankte auf eine besondere Weise noch zu denen, die an Zwängen leiden. Sie können sicher sein, ich werde Sie verstehen. Ich kann behaupten, daß ich mich in jeden Zwang einfühlen kann. Und wenn ich auch nicht immer Rat geben kann – das kann man bei der Zwangserkrankung innerhalb eines Anrufes nicht immer – Sie können sicher sein, daß Sie sich erleichtert fühlen, wenn Sie mit einer ehemals Betroffenen reden können. Es ist doch die immer noch „heimliche Krankheit“, die es uns so schwer macht, drüber zu sprechen.
Also getrauen Sie sich und tun Sie es einfach!

Liebe Grüße, Ihre Ulrike S.
Recht herzliche Grüße auch an Dich, liebe Theresa! Ich freue mich, daß wir so gut zusammen arbeiten!

Autorin der Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkankung“ (Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker)
„Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“ (Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker)
ab April 2006: „ABC für Zwangskranke“, Tipps einer ehemals Betroffenen (Ulrike S., H.Reinecker)
alle drei Bücher beim Verlag Vandenhoeck & Ruprecht/Göttingen

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Brief von einer ehemals Betroffenen (die aber auch „am Ball bleiben“ muß) an Nochbetroffene! Liebe Zwangskranke! 31.10.05 Während ich Euch schreibe, schaue ich immer wieder einmal auf die Birke, die draußen vor dem Fenster steht. Sie ist wunderschön gefärbt um diese Jahreszeit, ich sehe das nicht nur, sondern ich empfinde das Schöne auch. Ich habe schon so oft auf diese Birke geschaut, ich wohne hier ja schon seit „ewigen Zeiten“. Aber ich erinnere mich, wie ich trotz der Schönheit dieses Baumes zu allen Jahreszeiten früher oft mit viel Wehmut und Sehnsucht nach psychischer Gesundheit hinaus geschaut habe.

Jetzt aber zur Sache!

Kürzlich ist mir eine Merkwürdigkeit bewußt geworden, davon möchte ich Euch jetzt erzählen.

Ich kenne zwei Frauen, die im selben Haus, auf der selben Etage wohnen – gerade einander gegenüber. Ich will sie Euch vorstellen.

Die eine Frau kenne ich gut, nennen wir sie einfach Frau A. Ich weiß so manches von ihren Gewohnheiten und Vorlieben. (Ich beobachte gerne das Verhalten anderer – ich habe das als Erkrankte oft neidvoll getan und dann in der Therapie, um von anderen zu lernen.)

Die andere Frau, sie ist für uns Frau B, die habe ich nur einmal kurz gesehen. Sie betreibt einen kleinen Obststand in der Stadt, beim Umgang mit Kunden verhält sie sich locker und unauffällig. Ich weiß aber so manches von ihr aus den Erzählungen der mir gut bekannten Frau A.

Mit Frau A habe ich gerne Kontakt. Wir reden viel über unsere Hobbies, über unsere Familie, über die netten und weniger netten Gepflogenheiten unserer Kinder. Auch Hausfrauenangelegenheiten diskutieren wir. Von meiner „Vergangenheit“ weiß Frau A nur andeutungsweise.

Ich erzähle Euch jetzt, was mir, der ehemals Zwangskranken, bei Frau A und Frau B auffällt.

Frau A sagt mit Überzeugung, daß sie sofort – vom Einkauf oder einem Stadtbesuch heimgekommen – die Hände wäscht. Das sei das erste, was sie macht, wenn sie heimkommt.

Der kleine Schulbub, der bei ihr oft zu Besuch ist, hat das auch schon übernommen. Wenn der Kleine von der Wohnung ins Stiegenhaus möchte, dann legt sie Wert darauf, daß er das nicht in den Wohnungssocken macht. Das findet sie grauslig. Einmal haben wir in der Stadt Tüteneis gegessen. Da hat meine Bekannte den unteren Teil der Waffeltüte in einen Abfalleimer geworfen. Der sei für sie unhygienisch und schmutzig. Daß sie nicht gerne fremde Toiletten benützt, das konnte mir, die solches leicht beobachtet, nicht entgehen. Es kommt vor, daß sie deshalb unterwegs nur wenig trinkt.

Für sie „Unappetitliches“, das ich durch die Therapie eigentlich gar nicht mehr scheue, das fasst sie mit spitzen Fingern an und wäscht sich, wenn möglich, die Hände.

Frau A wäre in der Therapie zum „Modelllernen“ für mich nicht gut gewesen. Da hätte ich mir sagen müssen: Solche Eigenheiten darf sich diese erlauben, ich nicht. Daß Frau A nicht zwanghaft handelt, davon bin ich völlig überzeugt. Früher, als ich noch nicht so viele Erfahrungen mit Zwangskranken gemacht hatte, da hätte ich gemeint: Frau A braucht eine Therapie.

So, nun erzähle ich Euch vom „Gegenüber“ im Treppenhaus, von unserer sogenannten Frau B. Wie gesagt, Frau B kenne ich nur aus den Erzählungen der Frau A und aus meinen Beobachtungen im Treppenhaus. Dort, vor ihrer Wohnungstüre, beansprucht sie immer mehr Platz für Dinge, die „nach draußen“ gehören. In der Nachbarschaft ist sie bekannt als unerbittliche Ausbeutlerin von Kleidern, Teppichen und dergleichen. Unerbittlich, weil alle Proteste von ihrem Umfeld nichts nützen. Sie betritt schon frühmorgens das Zimmer des noch schlafenden und verständlicherweise heftig protestierenden Sohnes – sie muß dort Staub wischen. Am liebsten ist ihr, wenn die Familie nicht da ist, dann kann sie ungestört staubsaugen und putzen. Wenn die Familie nicht da ist und alles geputzt ist, dann fühlt sie sich am wohlsten, sagt sie. Der Gatte ist oft verzweifelt, aber wehrlos. Es gibt hinter verschlossenen Türen viele lautstarke Auseinandersetzungen.

Bei Frau B sage ich: Die arme Frau sollte sich in Therapie begeben.

Weshalb die eine nicht, die andere schon?

Ich bin mir sicher, daß ich mich hier nicht irre.

Bei Frau A sehe ich nur sogenannte Vorlieben. Wenn es sein muß, benützt sie die fremde Toilette, auch wenn diese nicht so sauber ist. Sie kann auch mal drüber hinwegsehen, wenn der Bub mit Schuhen in die Wohnung stürmt, weil er schnell etwas wichtiges erzählen muß. Da schimpft sie nicht und putzt nicht hinterher. Wenn wir gemeinsam von einem Stadtbesuch ihre Wohnung betreten, dann wäscht sie ihre Hände nicht. Das kann ich beobachten.

Kurz, Frau A hat ihre Vorlieben, vielleicht sind diese etwas übertrieben, aber sie kann mühelos auch anders.

Frau B kann nicht anders, sie selbst leidet unter ihren Sauberkeitsansprüchen. Soviel Arbeit, klagt sie. Und schließlich muß sie sich von Nachbarn und Kindern allerhand an Protesten gefallen lassen und sich trotzdem „durchsetzen“. Sie erfährt, wie ihre Beziehung leidet. Der Gatte wagt kaum Widerspruch, klagt aber rundum bei Nachbarn und Bekannten über sein Los.

Das ist die „vergleichende Geschichte“ von Frau A und Frau B.

Wenn Sie zwangskrank sind oder es waren, dann dürfen Sie auch Ihre Vorlieben haben. Aber stellen Sie diese ab und zu auf den Prüfstand, der Zwang dürfte dabei nichts zu reden haben. Immer wieder einmal anders handeln können, das müßte möglich sein. Flexibel und vernünftig und praktisch, den Umständen entsprechend. Vorlieben zu haben, das verursacht kein Leid, das geschieht freiwillig.


P.S.: Theresa weist auf ihrer Seite auf den Selbsthilfetag der Schweizerischen Gesellschaft für Zwangsstörungen hin. Wenn Sie Zeit (und das nötige Geld) dafür haben, und wenn der Zwang Ihnen solch einen Ausflug „nach draußen“ erlaubt, dann könnten Sie sich den Besuch überlegen. Sie würden sicher bereichert davon zurückkehren.

Es grüßt Euch herzlich
Eure Ulrike S.

(Bücher „Der Weg aus der Zwangserkrankung“
„Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“
von Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker
Verlag Vandenhoeck/Ruprecht, Göttingen