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Liebe Zwangskranke! Manche von Euch haben es selbst schon erlebt, manche wissen es aus dem Kontakt mit anderen Betroffenen oder aus dem Lesen von Fallberichten in Büchern für Zwangskranke: Es gibt eigentlich nichts, worauf sich der Zwang nicht „draufsetzen“ kann. Kein Thema ist ihm fremd, vor nichts hat er Respekt. Überall möchte er seine Nase hineinstecken, nicht einmal vor dem Leben im Jenseits macht er mit seiner Bangemacherei Halt. Manchmal sind selbst Zwangskranke sogar verleitet zu denken: „Nein, was der oder die befürchtet, das ist doch eigentlich komisch.“ Aber meistens können wir uns ganz gut in die Befürchtungen anderer einfühlen.

Vor ein paar Tagen hatte ich Kontakt mit einem jungen Mann, Herrn B., der unter zwanghafter Angst vor Aids Erkrankung leidet. Ihr wißt ja, daß das Zwangsthema meist einen wahren Kern, einen wahren Ursprung hat. Im Fall von Aids wäre das also: Aids kann ansteckend sein. Nur, was der Zwang daraus macht, das ist immer völlig übertrieben, aufgeblasen und unrealistisch.
So verhält es sich auch bei der Möglichkeit, sich mit dem HIV-Virus anzustecken.
Nun, was den jungen Mann betrifft, so habe ich ihm gegen Ende unserer Begegnung ein paar hilfreiche Sätze, seine Aidszwänge betreffend, aufgeschrieben. Er liest sich noch die Hilfestellungen durch und sagt dazu: Ich habe schon Schwierigkeiten, das Wort „Aids“ auch nur zu lesen.
Da hat er sich „geoutet“, der Gute! Denn das dürfen wir natürlich nicht durchgehen lassen, daß man nicht einmal mehr lesen darf, was als Erkrankung zwanghaft gefürchtet wird.
Das Lesen war also schwer - das Schreiben des Wortes noch schwerer. Zu zweit war es möglich. Zuerst noch mit einigem Widerstreben, dann wurde „die Schreiberei“ schon etwas leichter: AIDS in Großbuchstaben, in Schreibschrift, von hinten nach vorne hat er„sdia“ geschrieben, die Buchstaben hat er durcheinandergewürfelt: dias.
Dazu die Anleitung und Erklärung: Ein Wort ist ein Wort, sonst gar nichts. Ein Angelegenheit mit vier Buchstaben ist das. Was wir draus machen, das ist eine andere Sache. Welche Bedeutung wir dem Wort beimessen, das hängt von uns ab.
Der Arzt zum Beispiel sagt:
Aids ist eine Viruserkrankung, man kann sich davor gut schützen. Wir versuchen, die Behandlung von Aids zu verbessern.
Der Wissenschafter mag sagen: Wir erforschen, eine Impfmöglickeit gegen Aids zu entwickeln.
Der Neugierige sagt: „Aids“, ich möchte wissen, was diese Abkürzung wirklich bedeutet.
Der Therapeut sagt: Aids, das kommt in Ihrem Leben nicht vor, weil Sie weder fixen, auch keinen ungeschützten Verkehr mit HIV-Positven haben und drauf achten würden, nur in Krankenhäusern Ihres Vertrauens (im entfernten Ausland) eine Bluttransfusion zu bekommen.

Solche, die glauben, daß Gott so denkt wie die Menschen, der meint: Aids ist eine Strafe Gottes. Und der arme Zwangspatient, der, von dem ich gesprochen habe, der sagt: Dieses Wort darf ich gar nicht schreiben, sonst passiert etwas.

Sehen Sie, ähnlich kann man mit Vielem umgehen, das der Zwang ganz unrealistisch als bedrohlich erscheinen läßt. Nehmen wir zum Beispiel einen Stuhl her. Der Waschzwang mag sagen: Ein fremder Stuhl ist ekelig, ich möchte mich nicht drauf setzen, sonst muß ich mich duschen und meine Kleider waschen.
Der Sachliche sagt: Ein Stuhl ist ein Stuhl und sonst gar nichts. Er ist zum Sitzen da oder zum Draufsteigen, wenn ich etwas von oben aus der Bücherwand holen will.
Der Tischler sagt vielleicht: Das ist ein schlecht gearbeiteter Stuhl, der wird nicht lange halten.
Der Therapeut sagt: Ein Stuhl ist Möbelstück, was der Zwang draus macht, was der über den Stuhl behauptet, das lassen wir links liegen.

Oder aber:
Das ist ein gefährlicher Herd, sagt der Zwang, er könnte das Haus niederbrennen lassen.
Es ist, was es ist, sagen wir, eine praktische Angelegenheit zum Wärmen und Bereiten von Speisen.

Eine andere Patientin blättert schnell weiter, wenn sie in der Zeitung eine Todesanzeige liest. Sie glaubt, allein das Lesen von Todesanzeigen könnte böse Folgen haben.
Wie verschieden gehen Menschen mit Todesanzeigen um:
Es gibt solche, davon habe ich gehört, die lesen die Todesanzeigen einer Zeitung zuallererst. Einfach aus Neugier.
Ärzte lesen manchmal Todesanzeigen, ums sich zu vergewissern, ob ihre Patienten wohlauf sind.
Es gibt auch den bösen Witz, da gehen zwei an einem Haus mit schwarzer Fahne vorbei. Da fragt der eine den anderen: „Wer ist denn da gestorben?“ Jener sagt: „Mir ist jeder recht!“
Es gibt solche, die benützen Todesanzeigen, um ihre außerordentliche Herkunft aufzuzeigen. Oder solche, die glauben machen, daß der Verstorbene untadelig und ein Mensch von sagenhafter Güte war.

Jetzt könnten Sie sich vielleicht schon selbst ausmalen, wie man, als ängstlicher Zwangskranker, der alles mit sich unheilvoll in Verbindung sieht, auch mal anders damit umgehen könnte.
Ich denke mir, das könnte so funktionieren: Eine Todesanzeige ist ein Bekanntmachen einer traurigen Angelegenheit, aber was hat diese Anzeige mit mir zu tun?
Oder: Eine Todesanzeige ist, ganz nüchtern betrachtet, nichts anderes als Buchstaben in Druckerschwärze, auf Papier geschrieben. Wie ich damit umgehe, das ist meine Sache, aber der Zwang hat dabei nichts zu suchen.

So könnten Sie, liebe Zwangskranke mit vielen bedrohlich erscheinenden Dingen oder Zuständen in Ihrem Zwangsleben umgehen. Es ist, was es ist und nicht, was der Zwang daraus macht!
Herzliche Grüße
Ihre Ulrike S.

(Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung.“ Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten. „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke.“ Beide Bücher: Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Transparent.

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Liebe Zwangskranke! Kürzlich habe ich Post von einer ehemaligen Patientin bekommen. Sie hatte, von auswärts gekommen, in Innsbruck Therapie gemacht, und ich durfte ihre Kotherapeutin sein. Eigentlich hatte die arme Frau B. sehr an einem Waschzwang gelitten. Ganz losbekommen hat sie ihn noch nicht, aber sie weiß mit ihrem Leiden sehr gut umzugehen. Und es gibt nichts, was ihr der Zwang in ihrem Leben verwehren könnte. Eine tapfere Kämpferin ist sie.

Wie sah nun deren Behinderung durch den Zwang aus? Frau B. durfte nichts berühren, was irgendwie beschädigt war: Leicht angeschlagenes Porzellan z. B. oder einen Knick im Buch, das sie gerade lesen wollte. Eine nicht perfekte Naht im T-Shirt, das sie kaufen wollte, konnte ihr das Leben sauer machen.
Eigentlich waren ihre Nöte genauso behindernd und angstauslösend, wie die von Zwangskranken, die Angst vor „Schmutz“ oder Krankheitsheitserregern haben.
Ihr zusätzliches Leiden war, daß auch die Dinge, die sie selbst berührt hatte, nicht mehr „in Ordnung“ waren. So konnte ihr das Waschen von Beschädigtem eigentlich gar nicht helfen, weil die Dinge beim Reinigen wiederum durch ihre eigenen Hände „verunreinigt“ wurden.
So gemein kann der Zwang sein, so raffiniert kann er Betroffene leiden lassen!
Ich erzähle von dieser etwas vom „Üblichen“ abweichenden Symptomatik, damit sich manche nicht so merkwürdig und ganz allein fühlen, solche, die auch an besonders skurrilen Zwangserscheinungen leiden.
Es gibt eben nichts, was sich der Zwang nicht zum Futter nimmt. Kein Grund, sich dafür zu schämen! Aber wohl ein Grund, um sich dafür eine Therapie zu suchen!
Ich sage es immer wieder und auch von Theresa hört ihr das: Es ist die kognitive Verhaltenstherapie, die Zwangspatienten hilft.
Ich habe dieser Patientin, von der ich zuvor erzählt hatte, am Ende der Therapie ein „Abschiedsgeschenk“ gemacht. Natürlich war das ein Geschenk, das zunächst nicht wirklich als solches empfunden worden war. Es war eher eine Herausforderung, ein Helfer gegen den Zwang. Ich habe in einem Geschäft ein Vögelchen aus Ton gekauft, das eine leichte „Verletzung“ hatte. Kurz gesagt: Es hatte einen kleinen Sprung im Ton. Das zu berühren und zu akzeptieren, sich an das „Unvollkommene“ Vögelchen zu gewöhnen, das war der pädagogische Sinn meines Abschiedsgeschenkes.
Therapeuten und auch Kotherapeuten müssen halt dazu ermuntern, etwas zu tun (oder auch sich zu denken getrauen), von dem der Zwang behauptet: Achtung, es wird etwas passieren! Zu lernen und zu erleben, daß eben nichts passiert, daß man nicht schuldig wird, daß man kein Unheil verursacht, daß etwas nicht zu ekelig oder krankmachend ist oder daß Gedanken nichts bewirken können, all diese neuen Erkenntnisse zu gewinnen, dazu verhilft diese Therapie!
Meine Frau B. hat also den kleinen Vogel mit nach Haus genommen und wenn es ihr wieder einmal nicht so geht, dann nimmt sie ihn in ihre Hände, zum Üben und zum neuen Mut gewinnen. Noch etwas wichtiges hat Frau B. gelernt: Dinge, die man berührt, können nicht „schlecht“ werden. So etwas sagt nur der Zwang, wohl diktiert durch ein sehr angeschlagenes Selbstwertgefühl. So hatte Frau B. gelernt, daß die von ihr berührten Dinge nicht schlecht werden. Im Gegenteil, sie hatte gelernt sich vorzustellen, daß Dinge, die sie berührt, wie durch einen Zauberstab vergoldet werden.
Ich habe mich in meinem Antwortschreiben nicht an Sie selbst, sondern an das kleine verletzte Vogelkind gewandt.
Der „Briefschreiber“ war ein kleine Maus aus Porzellan, die, mit einem Sprung am Ohr, auf meinem Balkon steht: Liebes kleines verletztes Vogelkind! Ich habe Deine Geschichte gehört, und deshalb sollst Du wissen, daß es hier in Innsbruck deinesgleichen gibt. Ich bin ein kleines Mäuschen mit einem angeklebten Ohr und stehe auf dem Balkon jener Frau, die Dich den Händen mit dem verwandelnden goldenen Stab von Frau B. anvertraut hat. Weißt Du`s noch? Hast Du`s auch gehört, wie sie, „die Therapeutin“ (die eigentlich nur Hausfrau mit eigenen Erfahrungen und Erfahrungen aus Kotherapie ist) gesagt hat: Ein Vogelkind ist ein Vogelkind – und sonst gar nichts. Ein verletztes Vogelkind ist ein verletztes Vogelkind – und sonst gar nichts. Was so manche draus machen, das ist eine andere Geschichte.
Das interpretieren diese (nämlich die vom Zwang an der Nase Herumgeführten) selbst hinein. Das hat mit einem etwas angeschlagenen Vogerl oder Mäuschen mit geklebten Ohr gar nichts zu tun. Vogelkind, jetzt sage ich Dir etwas: Diese „Therapeutin“, von der da die Rede war, die hatte auch so allerhand außergewöhnliche Vorstellungen, wie die Welt rund um sie herum aussehen sollte. Da ging es nicht um das Unverletzte, sondern um das Unbeschmutzte. Ist ja einerlei, auf die auslösenden schlechten Gefühle und angstmachenden Empfindungen kommt es hier an, nicht auf unverletzt oder rein. Das ist Dir sicher auch zu Ohren gekommen, liebes heilsames Vogelkind - in Deiner Innsbrucker Zeit. Ich weiß, was „die Therapeutin“(die so vieles „rein“ haben wollte) macht, wenn sich besondere Ansprüche wichtig machen möchten, und solches passiert auch ihr, sie hat doch auch noch das Gedächtnis an frühere Zeiten und manchmal besondere Wünsche im Sinn von „Weghabenwollen“. Ihr höre, wie sie manchmal mit sich selbst spricht und recht freundlich sagt: „Das tut Dir gut.“ Sie sagt das, wenn sie im Sinne von früheren Zeiten etwas stören möchte. „Das tut Dir gut,“ höre ich sie sagen. Sie sagt nicht: „Das mußt Du aushalten!“(das ist auch richtig!) Nein, sie sagt in nettem Ton zu sich selbst: „Das tut Dir gut.“( im Sinne von: Das erhält Deine psychische Gesundheit! Das hilft Dir am Ball bleiben!) Also, kleines verletztes Vogelkind, sei Dir dessen bewußt, daß Du etwas besonderes bist, denn: Du tust der Frau B. gut.“
Liebe Grüße, Dein Innsbrucker Mäuschen, das mit dem verletzten Ohr!

Liebe Grüße auch an Sie, liebe Betroffene!
Bis zum nächsten Brief!
Ihre Ulrike S.

(Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung“, Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen.
„Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“, Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen. Beide Bücher gibt es verbilligt im Doppelpack bei amazon.de

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Liebe Zwangskranke! Am liebsten schreibe ich Euch, wenn ich gerade etwas erlebt habe, bei dem ich mir denke: Das wäre geeignet, um wieder einen „Brief“ an Euch zu schreiben. Dann kann ich spontan schreiben. Dies ist auch diesmal wieder der Fall. Ich bin einem jungen Mann begegnet, der an Bildern leidet, die ihn erschrecken. Vernünftigerweise hatte er deshalb eine Therapie gesucht. Da aber hatte er richtiges Pech. Viele von Euch hätten ihm sagen können: „Das, worunter Du leidest, ist eine Zwangsstörung.“

n den 1 1/2 Jahren an Therapie war das Wort „Zwang“ nie erwähnt worden. Die erschreckenden Bilder waren in der Therapie ständig analysiert worden: „Weshalb habe ich solche Bilder?“ und vor allem: „Was haben diese Bilder zu bedeuten?“ Der arme Patient wußte nun durch diese „Therapie“ um vieles aus seiner Vergangenheit, da war jeder Winkel ausgeleuchtet worden. Die erschreckenden Bilder (in denen sich der Arme immer als arger Übeltäter sah) waren insofern gedeutet worden, daß der Patient unter aggressiven Zuständen leidet. Eines Tages stellte der junge Mann recht ängstlich die Frage an den Therapeuten: „Glauben Sie, daß ich in Wirklichkeit so aggressiv handeln könnte?“ Diese Frage wurde vom Therapeuten bejaht. Nach dieser Meldung hatte der arme Heiter das Gefühl: „Jetzt kann ich mir selbst nicht mehr über den Weg trauen. Ich bin mir meiner nicht mehr sicher.“ Ganz gebrochen und verzagt kam er nach Hause. Natürlich häuften sich die Bilder nach dieser „Therapiestunde“ noch mehr! Vom Umgang mit solchen Bildern, von den Techniken, damit in der Gegenwart und Zukunft umgehen zu lernen, um sie wieder loszubekommen, davon hatte der Unglückswurm in diesen 1 1/2 verlorenen Jahren nie gehört.

Leider war seine Therapie auch nicht in Händen eines Verhaltenstherapeuten, der spezialisiert auf Zwänge war. Auch Verhaltenstherapeuten berücksichtigen und besprechen die Vergangenheit des Hilfesuchenden, sein Elternhaus, sein Aufwachsen. Das gehört dazu. Aber der Schwerpunkt liegt in der Hilfestellung: Wie werde ich mit meinen Zwängen fertig und: Wie kann ich mir helfen lassen, um im gegenwärtigen Leben etwas zu verändern - an meinen Verhaltensweisen, an meiner Persönlichkeit, an meinen Beziehungen zu anderen und zu mir selbst, an meinen gegenwärtigen Lebensproblemen.

Sicher weisen Zwänge auf etwas hin. Im Fall des oben genannten Patienten war es seine Hilflosigkeit im sich Wehren. Der Zwang, der Übertreiber und Vergrößerer, hat als Möglichkeit der Problemlösung natürlich wieder völlig über die Stränge gehauen und den Patienten unter wild aggressiven Bildern und Vorstellungen leiden lassen.

In der Kognitiven Verhaltenstherapie lernt er nun, daß diese Bilder mit ihm nichts zu tun haben, nach dem Motto: Ich bin nicht mein Zwang. Er lernt Fertigkeiten im Umgang mit zwanghaften Bildern und Vorstellungen. Er lernt, den Bildern keine Bedeutung zuzumessen, nicht zu erschrecken, wenn sie da sind: „Ich habe halt noch zwanghafte Bilder, die werden im Lauf der Therapie schon vergehen!“ Er lernt sogar, die Bilder zuzulassen, weil man weder Gedanken noch Bilder und Vorstellungen krampfhaft wegschicken kann. Vieles wird er lernen in der Therapie gegen den Zwang. Und er wird lernen, wie man sich in der Realität, im Umgang mit Menschen im täglichen Leben wehren kann. Er wird lernen, daß er seine Bedürfnisse kundtun darf.

Der Zwang ist ein Teil von mir, sagen öfters Patienten und auch von Therapeuten bekommen sie manchmal solches zu hören. Das gebrochene Bein kann auch ein Teil von mir sein und ich werde danach trachten, daß es wieder in Ordnung kommt. Ein Hang zum Jähzorn mit ungerechtem Verhalten und haltlosen Beschuldigungen gegenüber anderen kann auch ein Teil von mir sein, und trotzdem werde ich klugerweise daran „arbeiten“, mich zu mäßigen und zu lernen, respektvoll mit meinen Mitmenschen umzugehen.

Sicher ruht im auch bereits gesunden, aber ehemals Zwangskranken etwas, das wieder aufbrechen möchte in Zeiten leichter Verletzlichkeit. (Krankheit, Verlust von lieben Menschen, sehr kränkender Behandlung durch Mitmenschen, Mobbing...). Deshalb auch meine Aufforderung im vorigen Brief an Euch: Immer am Ball bleiben.

Aber den Zwang als Teil von mir zu betrachten, dagegen wehre ich mich als ehemals Betroffene. Ich habe diesen Teil ablegen dürfen und bin wieder die „Frühere“. So sehe ich das!

Herzliche Grüße Eure

Ulrike S.

(Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung“ - Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten; „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“. - Ulrike S., G.Crombach, H.Reinecker, Verlag Vandenhoek Transparent)

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Liebe Zwangskranke! Heute möchte ich nicht direkt an Euch schreiben, sondern an jene, die mit Euch engen Kontakt haben. Die von Euren Zwängen wissen, aber unsicher sind im Umgang mit Euch in Eurer Erkankung. Manche von Euch haben es vielleicht noch gar nicht gewagt, sich Angehörigen oder Freunden anzuvertrauen, weil sie sich ihrer Zwänge wegen schämen. Einer Krankheit wegen muß man sich nicht schämen. Vielleicht schreibe ich Euch das nächste Mal über die unnötigen Schamgefühle; diesmal möchte ich mit den Angehörigen reden. Das kann auch für Euch eine Hilfe sein.

Es gibt, bzw. es gab einen Leitfaden für Angehörige von Zwangskranken, verfaßt von Ulrike Demal aus Wien und Julia Langkrär aus Bochum. Dieser Leitfaden ist vergriffen, ich konnte aber noch ein Exemplar ergattern. Rudi von der Selbsthilfegruppe in Wien hat mir den Leitfaden kopiert. Ich danke ihm an dieser Stelle herzlich. Wenn ich Euch, bzw. Euren Angehörigen jetzt schreibe, dann geschieht das in Anlehnung an diesen Leitfaden, verkürzt gebe ich ihn wieder und mit einigen eigenen Erfahrungen und Gedanken.

Liebe Angehörige!

Sagen Sie zum Zwangserkrankten in Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld nicht: „Laß das einfach sein! Mach`es doch wie ich! Laß` Dich nicht so gehen!“ „Tu nicht so dumm!“ Sie bewirken damit gar nichts. Der Zwangskranke würde sich ja gerne Ihren Ratschlägen entsprechend verhalten. Aber er kann es nicht! Es ist eine psychische Erkrankung, die ihn daran hindert. Die Krankheit ist mit Gefühlen von Angst und Anspannung, ja sogar von Panik verbunden. Wenn Sie als Angehörige sein Verhalten als Marotte auslegen, die er doch endlich bleiben lassen sollte, dann erreichen Sie damit lediglich, daß er sich noch deprimierter und schuldiger wegen seines Unvermögens fühlt.

Holen Sie sich Informationen, z.B. auf der Homepage von Theresa oder in Büchern aus der Buchhandlung. Es gibt heutzutage jede Menge an guter Aufklärungsliteratur. Viele Bücher für Zwangskranke beinhalten auch einen Teil, der sich an Angehörige wendet.

Lassen Sie den Erkrankten fühlen, daß Sie auf seiner Seite stehen. Daß Sie ihn gerne mögen, aber daß der Zwang Ihnen das manchmal schwer macht.

Fühlen Sie sich nicht schuldig für die Zwangserkrankung Ihres Angehörigen. Zwangserkrankung entsteht nicht dadurch, daß jemand etwas falsch gemacht hat. Zwangserkrankung hat auch nicht „nur eine Ursache“.

Glauben Sie nicht , Sie könnten Ihren Angehörigen „therapieren“. Es gibt Selbsthilfebücher, die vermitteln den Eindruck, daß man die Erkrankung auch ohne Therapie in den Griff bekommen könnte. Ihr Angehöriger braucht einen Verhaltenstherapeuten oder eine Verhaltenstherapeutin. Kognitive Verhaltenstherapie, so heißt die Therapie für Zwangskranke.

Sie können und sollen sich nicht so verhalten, als ob ihr Angehöriger gar nicht krank wäre. Dieser Weg wäre zu rigeros, sie hätten wahrscheinlich zu viel Streit und sehr unangenehme Diskussionen mit dem Erkrankten. Aber lassen Sie sich auch nicht zu sehr in das Zwangssystem hineinziehen. Sie sollten es schaffen, dem Zwangsverhalten gegenüber Grenzen zu ziehen. Das klingt leicht, aber ich weiß aus eigener Erfahrung, daß jeder Kranke versucht, den Angehörigen immer mehr den „eigenen Wünschen“ (die doch nur die Anforderungen des Zwanges sind und ihn oft ungeheuer leiden lassen) anzupassen. Gehen Sie zum Fußball, wenn Ihnen das Freude macht. Geben Sie nicht das Treffen mit Ihren Freunden auf, weil „der Zwang“ das so verlangt. Der Zwang ist mächtig, es wird für Sie oft nicht leicht sein, sich diesbezüglich durchzusetzen. Auch wenn der Erkrankte es im Moment nicht gut einsehen kann: Es ist wichtig, daß der Angehörige nicht seine Lebensfreude verliert, weil er immer mehr eigene Ansprüche aufgeben muß.

Noch schwerer mag es oft sein, dem Erkrankten nicht in seinem Zwangsverhalten „zu helfen“. Auch das wird Fingerspitzengefühl von Ihnen verlangen. Der Zwang zielt darauf hin, Ihren Erkrankten in einem Teil seines Lebens geradezu zu entmündigen. Der Zwangskranke traut sich immer weniger zu und will sich immer mehr bei Ihnen – auf die Dauer die Krankheit verschlimmernde – Hilfe holen. Sie sollen ihn in großer Not nicht sich selbst überlassen, das könnte ihn überfordern. Aber das ständige Rückversichern, Kontrollen abnehmen, alle Verantwortung übernehmen, das auf den Zwang eingehen, das verlängert und verstärkt auf Dauer die Krankheit. Der Zwang will immer mehr, das heißt, durch diese Ihre „Hilfestellungen“ tragen Sie dazu bei, daß die Krankheit ärger wird. Auch hemmen Sie dadurch die Motivation des Erkrankten, in Therapie zu gehen. Es ist nun einmal so, daß Zwangskranke oft erst eine Therapie aufsuchen, wenn Ihnen „das Wasser bis zum Hals steht“. Ich habe es als „Helferin“ staunend miterlebt, wie schnell Therapie greifen kann, wenn Patienten früh in Behandlung gehen.

Versuchen Sie, Therapiefortschritte zu bemerken und diese dann auch mit Lob zu versehen. Wenn Sie über Zwänge ausreichend Bescheid wissen, dann verstehen Sie auch, daß ein Therapiefortschritt nicht mit großen Veränderungen einhergehen muß. Wenn Ihr Angehöriger sehr aufgeregt davon berichtet, daß er jetzt täglich nur noch ein Stück Seife braucht, dann messen Sie diesen Erfolg nicht an dem Verhalten von Gesunden. Oft gelingt das Ablegen von Zwängen nur Schritt für Schritt. Vielleicht kommt Ihr Kranker in Therapie im nächsten Momat mit einem halben Stück Seife pro Tag aus! Das ist doch was, nicht wahr!

Es kann sein, daß der Abbau der Zwänge nicht nur reine Freude bringt. Vielleicht hat der Erkrankte mit Ihnen viel über die Symptome gesprochen. Mag sein, die Krankheit war Wichtigkeit Nummer eins in der Unterhaltung und im Tages- und Wochenendablauf. Vielleicht brauchen Sie auch jetzt eine gemeinsame Beratung beim Therapeuten, um mit den neuen Gegebenheiten fertig zu werden.

Liebe Angehörige, ich hoffe, ich konnte Ihnen ein wenig in Ihrer schwierigen Situation behilflich sein. Schauen Sie ab und zu auf die Seite von Theresa. Sie werden erfahren, daß „Ihr Erkrankter“oder „Ihre Erkrankte“ viele Leidensgefährten hat. Aber Sie werden auch dort darüber informiert, daß es Hilfe gibt. Es gibt auf der Seite auch eine Therapeutenliste. Bitte bedenken Sie: Der Zwangskranke muß selbst eine Therapie wollen. Gespräche mit Betroffenen in Therapie oder mit ehemals Betroffenen und deren guten Therapieerfolgen könnten hilfreich sein, selbst eine Therapie zu wagen. Wenn Sie als Angehöriger (oder als Betroffener) dringend Hilfe brauchen, dann kann Ihnen Theresa in vorhergehender Rücksprache mit mir meine Telefonnummer geben. Auch noch ein möglicher Kontakt für Angehörige psychisch Kranker: Regional-gruppen Innsbruck des Vereins HPE-Tirol, Maria Fischer (Psychologin und Psychotherapeutin, die Leiterin der Gruppen). Telefon und Fax: 0512/577839.

Liebe Grüße! Ihre Ulrike S. (Bücher: „Der Weg aus der Zwangserkrankung“, Bericht einer Betroffenen für ihre Leidensgefährten.“ und „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke.“ Ulrike S., G. Crombach, H. Reinecker, Verlag Vandenhoek Transparent)

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Liebe Zwangskranke! Ihr habt vielleicht erfahren, daß ich Euch in regelmäßigen Abständen einen Brief schreiben möchte. So habe ich es mir vorgenommen und mit Theresa vereinbart. Ich hoffe, daß ich so diszipliniert und schreiblustig bin, meinen Vorsatz einzuhalten. Diesmal hat sich mir das Thema regelrecht aufgedrängt. Denkt jetzt nicht an die lästigen Zwangsgedanken, die können sich auch aufdrängen. Aber die haben ja mit uns nichts zu tun. Mir wichtig ist das heutige Thema, weil ich gerade bei einer Betroffenen damit zu tun hatte. So schreibe ich also über das „Am Ball bleiben.“

Was hat das mit meiner vorhin erwähnten Betroffenen zu tun? Das will ich Euch erklären. Die junge Frau hatte schon einmal kognitive Verhaltenstherapie hinter sich gebracht. Sie hatte große Mühe auf dem Weg zum Erfolg, aber letztendlich wurde sie für die Plackerei sehr belohnt. Das Leben wurde viel leichter, sogar den Wiedereinstieg in den Beruf hatte sie geschafft. Ich möchte Sie jetzt nicht verängstigen. Nur aufmerksam drauf machen möchte ich Sie, daß Sie beim Zwang am Ende einer geglückten Therapie nicht sagen dürfen: „Ende gut, alles gut. Ich habe diese schwierige Behandlung hinter mich gebracht. Jetzt möchte ich davon nichts mehr hören.“

Ein Arzt hatte mir gesagt, daß viele Menschen nach schwerer Erkrankung, auch wenn sie wieder gesund (oder viel besser) geworden sind, nicht „alle Viere grad`sein lassen dürfen“. Das müssen auch Menschen bedenken, die nicht an einer Zwangserkrankung gelitten haben. Der Alkoholsüchtige muß wachsam bleiben und darf sich nicht zu einem „Glaserl“ verleiten lassen. Menschen, die einen Bandscheibenvorfall hatten, die wissen, daß sie ihren Rücken nicht durch unvernünftiges Verhalten beleidigen dürfen. Wer einen Herzinfarkt hatte, der sollte sich an einen gesunden Lebensstil halten und sollte nicht z.B. auf der Langlaufloipe dahinrasen. Usw., usw.

Und was sollen die ehemals Betroffenen tun, damit sich der Zwang nicht wieder breit macht? Da komme ich wieder auf die vorhin erwähnte Betroffene zurück. Etliche Jahre hatte sie (praktisch) Ruhe vor dem Zwang. Dann begann er sich wieder leise zu melden. Zuerst hat er nur leicht angeklopft. Wegen Streß im Beruf wurde aus dem leise Anklopfen ein lärmendes Poltern an der Tür. Seien Sie nicht böse, wenn ich jetzt „gescheit“ rede: Hätte sich die junge Frau rechtzeitig zur Therapieauffrischung gemeldet, dann wäre sie sicher nicht wieder so tief hinunter gerutscht. Und wäre sie immer ein wenig „am Ball“ geblieben, dann hätte sie wahrscheinlich die Ursache ihres Rückfalls, den Streß im Beruf, zwangsmäßig besser überstanden. (über „Zwangsreste“, die auch ein Zurückrutschen in erhöhte Zwanghaftigkeit verursachen könnten, darüber schreibe ich vielleicht ein andermal.)

Jetzt ganz praktisch:

Wie bleibt der (ehemalige) Waschzwang „am Ball?“ Mal auf`s Händewaschen sollten Sie verzichten, obwohl Sie eigentlich „dürften“. (z.B. nach einem längeren Stadtbesuch heimgekommen). Die Jeans nach einer Bahnfahrt im zugegeben immer etwas schmuddeligen Zug noch einen Tag danach tragen – dann erst in die Wäsche (lüften ist „erlaubt“, aber vorsicht, auch ständiges Lüften kann zwanghaft werden! Der Zwang holt sich, was immer er bekommen kann!! Er ist ein Nimmersatt, so hat ihn Theresa in der prima TV Präsentation genannt.) Der einstige Kontrollzwang könnte aus dem Haus gehen und das Licht im Gang brennen lassen, obwohl ihm das ein leicht unangenehmes Gefühl verursacht. Wer in der Krankheit immer zwanghaft Nachfragen mußte, der könnte, um am Ball zu bleiben, auf`s Vergewissern verzichten, auch wenn er z.B. beim Plaudern etwas überhört oder schlecht gehört hat. Wer sich als Zwangskranker mit Wegwerfen und Weggeben sehr schwer getan hat, könnte immer wieder einmal Schubladen durchsehen mit dem Vorsatz: „Irgendwas kommt weg, auch wenn ich nicht ganz sicher bin, ob ich`s nicht doch noch einmal brauche.“

Und solche, die an ausschließlichen Zwangsgedanken gelitten haben? Die sollten probieren, ob sie noch so „mutig“ sind wie in Therapiezeiten. Z.B.: „Wenn ich jetzt den Fernseher einschalte, dann.....“(passiert dies, das oder jenes). Wer Angst hatte „Habe ich etwas gesagt, was andere nicht hören dürften“, der sollte sich immer wieder einmal getrauen, so einen „unerlaubten“ Satz vor sich hinzumurmeln. Dieses „am Ball bleiben“ ist wie ein immer wieder Auffrischen von in der Therapie Gelerntem. Sie kennen doch dieses Sprichwort „Das halbe Leben ist Gewohnheit.“ Bei „uns“ ist es die Gewohnheit, früheres, in der Krankheit Gefürchtetes, immer wieder einmal freiwillig zu versuchen.

Bis zum nächsten Mal

Eure Ulrike S.

(Als „Belohnung“ für`s Schreiben darf ich Buchwerbung machen, hat Theresa versprochen: Also: UlrikeS. „Der Weg aus der Zwangserkrankung“ und „Hilfreiche Briefe an Zwangskranke“, jeweils mit einem Vorwort von G. Crombach und einem Nachwort von R.Reinecker; Verlag Vandenhoeck (Transparent).